Frau Vater, Herr Mutter - all i need. Deutschland
Frau Vater, Herr Mutter Ein Gender-Rollenspiel.
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Ich mag den Muttertag nicht. Und den Vatertag auch nicht. Zum einen sind sie mir zu kommerziell und gesellschaftspolitisch gefärbt, zum anderen wiegen sie mir zu schwer, erinnern mich an das in Stein gemeißelte, vierte Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“. Wenn man einander mag, dann ehrt man sich gegenseitig ohnehin, begegnet sich auch an den anderen 363 Tagen im Jahr mit Liebe, Verständnis, Offenheit und Respekt. Da braucht es keinen eigenen Feiertag.

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Was das (Selbst)Verständnis von Frau- und Mann-Sein betrifft, hat sich in den letzten Jahren ja einiges getan, vermischt, salonfähig gemausert, sodass man jetzt – umgegeben von althergebrachten Klischees und zeitgenössischen Realitäten, überholten Rollenzuschreibungen und neomodernen Ansichten ­– schon gut nachdenken und reflektieren muss, welche Werte man selbst verkörpern und weitergeben möchte in seinem Leben (man hat ja nur dieses eine). Und die Auswahl ist groß: von Hausfrauen-Dasein bis Emanzentum, von der Softie-Existenz bis zum Macho-Gehabe, von Raben- bis Helikoptereltern dürfen Frauen und Männer alles sein. Doch wie immer bei solchen Schubladen heißt es aufpassen, denn Wahrheiten (eigene und fremde) lassen sich nur selten in ein überschaubares Format pressen.

Ich wurde gerade um ein literarisches Statement zum Thema Emanzipation gebeten. Und ganz ehrlich, in Zeiten immer noch ungleicher Gehälter, faktischer Mehrfachbelastung der Frau, medial-gebrainwashter Körper-Fixiertheit und populistisch propagierter Familienwerte, lasse ich mich gerne Emanze schimpfen, auch wenn das ganz sicher kein Schimpfwort ist.

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Während die, zugegeben amüsant verpackten, Klischees in „Ein Mann/Eine Frau, ein Buch“ (ersterer lernt, einen Baum zu pflanzen, ein Haus zu bauen, beim Sex wachzublieben und eine Boeing 747 zu landen, zweitere auf Kommando loszuheulen, einen LKW einzuparken, einen Diamantring zu erkennen und, natürlich, Kinder zu erziehen und den Haushalt zu schmeißen) ganz sicher nichts Wertvolles zu dieser Diskussion beitragen, gelingt das einer Christine Nöstlinger in ihren Pudding-Pauli- und Rosa-Riedl-Büchern seit jeher ganz hervorragend – nämlich einfühlsam, weltoffen und sogar für Kinder verständlich(!).

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Auch der Familien-Begriff sucht tagtäglich nach einer zeitgemäßen Definition. Ich hätte da eine recht anschauliche von Jean-Michel Guenassia anzubieten: „Man erzählt Kindern nicht, was geschah, bevor es sie gab. Zuerst sind sie zu klein, um es zu verstehen, danach sind sie zu groß, um zuzuhören, dann haben sie keine Zeit mehr, und schließlich ist es zu spät. So ist das mit dem Familienleben. Man lebt Seite an Seite, als kenne man sich, doch man weiß nur wenig voneinander. Man erhofft sich Wunder von der Gemeinsamkeit des Bluts: unmögliche Harmonien, absolutes Vertrauen, tiefe Verbundenheit“. Und weil Familie, genau wie Frau- und Mann-Selbstverständnis, nicht von selber passieren, fangen wir doch einfach hier und heute damit an, reden am bevorstehenden Vatertag (und an kommenden Muttertagen) einfach ein bisschen weniger aneinander vorbei und stattdessen einander zu, schauen uns gemeinsam das Video „On the Cusp“ der Künstlerinnen Miriam & Ezra Elia an (eine Reminiszenz an die leider schon ausgelaufene Lentos-Ausstellung „Rabenmütter“), grölen solidarisch zu Herbert Grönemeyers „Männer“ (haben´s schwer…), verwandeln uns mit Shaban & Käptn Peng in schlaue Füchse und weise Pelikane, schauen uns den Doku-Schocker „Future Baby“ im Kino an und suchen und (er)finden uns zwischen all den offenen Frauen-Männer-Fragen, Halbe-Halbe-Wahr- und Unwahrheiten, Familien-Wunschgedanken und Binnen-I´s einfach ganz neu.

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Lasst uns zeitgemäße Frauen und Männer sein. Lasst uns einen eigenen Feiertag kreieren, an dem wir uns selber Mutter, Vater, Kind sind. An dem wir alle Schubladen vergessen, gleichzeitig stark und schwach sein dürfen und uns ausnahmsweise sogar realitätsverweigernd unter einer Bettdecke verkriechen. Und genau das mache ich jetzt auch – mit dem „Abendlied“ von Blumfeld.

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Ich bin Daniela Emminger, hauptberuflich Schriftstellerin und nebenberuflich damit beschäftigt, meinen Mann zu stehen und in weiblichen (Haupt)rollen zu glänzen. Welche Art Frau/Mann bist Du? Der schönste Beitrag (in Wort und/oder Bild) wird dieses Mal mit einer solar lamp des Künstlers Olafur Eliasson belohnt. Und bringt hoffentlich ein wenig Licht ins Gender-Dunkel. Akzeptanz ist all i (we) need.

daniela.emminger@allineed.at oder office@allineed.at

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